ma wü vü

liebe menschen!

es ist an der zeit, das album mit großer freude und ehrfurcht an euch zu übergeben.

den text, den ich bereits vor monaten verfasst habe für diesen zeitpunkt hänge ich mit an.

alles liebe,

sibylle

releasekonzert: 06.03.2026 porgy and bess vienna (+ 50er feier + open stage)

konzert arge salzburg: 29.04.26

persönlicher Text zum 7. Album „ma wü vü“, Sibylle Kefer:

Ein Teil dessen, was ich seit 25 Jahren mache, findet im Verborgenen statt.

Weil es dort hingehört – im therapeutischen Kontext, in dem es um klare geschützte Rahmenbedingungen geht.

Ich bin zu einem Teil meines beruflichen Seins Musiktherapeutin.

An die 300 Kindermusiktherapien habe ich bisher wohl mindestens gemacht. Mit Kindern, die Übergriffen, Traumata und Verlusterfahrungen ausgesetzt waren und aus Krisensituationen zu mir geschickt wurden.

Ich habe mit ihnen musiziert, sie begleitet, co-reguliert, Affekte geteilt, contain-ed und gemeinsam reflektiert. Ich habe mich für sie stark gemacht und mich durch sie und mit ihnen weiterentwickelt. Ich habe mich weitergebildet, um sie bestmöglich zu unterstützen und meine Erlebnisse haben sich in mein Selbstbild und mein Bild der Welt integriert und dieses auch politisch und zivilgesellschaftlich geprägt.

Im Laufe der Jahre habe ich mich zudem immer mehr auch auf die Arbeit mit Bezugspersonen konzentriert. Sie in den Prozess miteinzubeziehen, Übersetzungsarbeit zu leisten, Kompetenzen und Interaktionsöffnungen zu erkennen und zu stärken, sind mitunter zu meinem Steckenpferd geworden.

Das, was mich als Musikerin, als Singer/Songwriterin ausmacht, mein schöpferisch-kreatives Selbstverständnis, die Art, wie ich Musik erlebe, wie ich mich ausdrücke, wie ich Perspektiven einnehme und anbiete, wie ich versuche Brücken zu bauen und Affekte anzubieten, die Form des In-Kontakt-Tretens und Eintauchens, … ist untrennbar mit diesen Erfahrungen verbunden.

Und verwoben – in meinem anderen beruflichen Strang – dem der Liedermacherin, Sängerin und Musikerin.

Meine Lieder schreibe ich in meinem mir eigenen oberösterreichischen Dialekt.

Im Laufe der Jahre hat sich mein Rollenverständnis immer mehr zu einem Ganzen zusammengefügt. Je selbstverständlicher ich mir gesellschaftlich zugeordnete Positionen und Rollenbilder verschwimmen ließ durch eine authentische und greifbare Haltung, desto weniger wurden mir Definitionen abverlangt und desto weniger brauchte ich sie auch selbst – eine befreiende Erfahrung.

Dass es klare gesellschaftliche Erwartungen an diese Rollenbilder gibt, wurde durch Grenzen, an die ich stieß, auch immer deutlicher.

In Bezug auf die Verwertbarkeit meiner Musik empfahl man mir, eine klare Trennung zu ziehen. Mich nicht als Authentisches Ganzes vermarkten zu versuchen, sondern lediglich einen Teilaspekt zu beleuchten. Eine Vermischung der verschiedenen Rollen käme einer Einordnung in die Quere.

Für mich kristallisierte sich innerhalb dieser Empfehlung eine schier unlösbare Problemstellung heraus – es gab mich nur als Ganzes, die Aufteilung war mir nicht möglich – auch nicht schöpferisch-kreativ. Mehrfachbelastung, Marginalisierung, Ungleichbehandlung, Unsichtbar-Sein und -Bleiben schien Männer nicht so sehr zu betreffen wie sie mich betrafen.

Neben dem musiktherapeutischen Gefüge, das auch immer wieder um die ihr zustehende Anerkennung kämpft, erlebte ich also einen zweiten Teil, der sich sehr bemühen musste, eine Definition für das, was ich bin und mache zu finden, sichtbar zu werden und zu bleiben.

Und abzutasten, ob das ein Einzelphänomen oder vielleicht doch ein strukturelles Problem ist.

Mir wurde gesagt, dass meine Bühnenkleidung unpassend, meine Frisur untauglich, meine Brille entbehrlich, meine Art zu quirlig und gleichzeitig zu schüchtern, meine Wortwahl unangemessen, mein Lachen zu laut und meine Bewegungen zu groß sind. Meine Musik und meine Texte nicht gut genug, meine Ideen zu verwirrt.

Ich lernte, derartige Kritik nicht mehr auf persönlicher Ebene zu parken. Dort verursacht sie Schaden und Schmerzen, und nährt ein gesellschaftlich gewachsenes Rollenverständnis, das ich nicht weiter mittragen möchte und das aber so viele im Verborgenen kennen. Ich möchte ein solches Narrativ nicht mehr nähren.

Nur wenn ich öffentlich benenne – innerhalb und außerhalb meiner Kunst, entsteht Resonanz, die es braucht, um sich verbinden zu können, und die Erfahrungen und den Umgang damit zu vergleichen, sich zu stärken und auch einer nächsten Generation zur Verfügung zu stellen.

In meinen Liedern biete ich meine entstandene Perspektive an. Musik in Verbindung mit Sprache und Reflexion als Schlüssel – politisch und persönlich. Weil das Persönliche gerade hier immer noch sehr politisch ist.

Es gibt mich noch, und ich erlebe mich – mit und nach Rückschlägen – immer wieder kämpferisch in Bezug auf strukturelle Ungleichheiten. Ich werde fokussierter, sensibilisierter, auch radikaler und genauer.

Meine Solokarriere habe ich als 30-jährige Alleinerzieherin begonnen, ein früherer Zeitpunkt wäre unvorstellbar gewesen. Rolemodels hätten mich gefreut! Es hätte mir gezeigt, dass es möglich sein kann.

Ist es möglich? Ich weiß es nicht.

Frauen und alle FLINTA*s (- vor allem, aber nicht nur – meiner Generation), die eigene Lieder in der eigenen Sprache mit Themenbehandlungen aus ihrer eigenen Sicht schreiben (können, weil sie Rahmenbedingungen vorfinden, die diesen Raum überhaupt erst eröffnen), sind in der ersten Reihe der österreichischen Musikszene immer noch eine absolute Ausnahmeerscheinung – gerade auch als weiblich gelesene „mittelalterliche“ Person.

Für dieses siebte Album habe ich, wie auch bei meinen Alben davor, leider keine finanzielle Unterstützung des österreichischen Musikfonds erhalten.

Ich freue mich, dass es die Musik nun trotzdem geschafft hat zu existieren, auch, wenn sich alle Mitwirkenden einen adäquaten finanziellen Ausgleich verdient hätten, inklusive mir.

Herzliche Grüße,

Sibylle Kefer