
ich finde, wir brauchen eine andere sicht auf die dringlichkeit von ressourcen für opfer von gewalt
ich finde, wir brauchen eine andere sicht auf die selbstverständlichkeit sicherer rahmenbedingungen für opfer von gewalt
ich finde, wir brauchen eine andere sicht auf politische priorisierungen zur bereitstellung sicherer rahmenbedingungen mit bestmöglicher betreuung von opfern von gewalt
wir brauchen ein differenzierteres hinschauen auf ein couragiertes zivilgesellschaftliches verständnis von wertschätzendem zusammenleben
die scham muss die seite wechseln
seit tagen begleitet mich dieser satz von gisele pelicot wieder intensiv. die letzten beiden tage hatte ich traumatherapeutische fortbildungsseminare. auch dort ist der satz gefallen.
ich wünsche mir sosehr bereits so lange einen gesellschaftspolitischen paradigmenwechsel. meine letzten beiden alben beschäftigen sich zu einem großen teil mit struktureller gewalt. sie beschäftigen sich mit dem umgang damit. mit strukturellem machtmissbrauch. mit patriarchalen strukturen, mit verschiebungen und verrückungen. mit reaktionen und mit projektionen. und dem umgang damit.
vorrangig aus der perspektive des opfers. ab und an aus der distanzierten, der vogel-pespektive. mit dem versuch einer einordnung, einer aufarbeitung, mit den sich immer wiederholenden mustern und neuerlichen verletzungen durch wiederholungen, mit der intensivierung des schmerzlichen durch absichtliches wegschauen, durch kleinreden und unsichtbarmachen und durch – ja, ich benenne es auch so – durch sadistisch anmutende entstellungen, verdrehungen und manipulationen. durch bewusstes inszenieren und gaslighting.
ich kenne mittlerweile so viele dieser strategien. rauhe harte sprache. immer und immer wieder habe ich in meinen statements darauf hingewiesen. und in meiner kunst dies versucht zu verarbeiten und als mentalisierungsprozesse anzubieten.
aus der traurigen position einer eigenen sicht, weil ich vieles davon nicht nur erlebt, sondern erst nach jahren der reflexion und zuordnung als gesellschaftlich strukturelles toxisches gebilde erkennen, und von meiner individuellen auf eine strukturelle position hieven konnte.
eine persönliche verschnaufpause durch dieses aha-erlebnis – ich war nicht mehr alleine, und es lag nicht an mir.
ich habe mich lange und ausführlich und immer wieder zur (auch österreichischen) musikszene geäußert, ich habe strukturelle gewalt in institutionen erlebt und ich arbeite seit mittlerweile über 25 jahren immer wieder musiktherapeutisch mit betroffenen opfern von gewalt – kindern, jugendlichen und eltern.
ich habe einiges gesehen und gehört. und ich habe nicht geschwiegen. trotzdem wurde ich bis vor kurzem selten wahrgenommen. ich würde sogar weitergehen und sagen, ich wurde gemieden und kleingeschwiegen. ich war ungemütlich und ein bisschen unkontrollierbar. unangenehm. und dabei konnte man mich als uninteressant framen. die halbstarken coolen männer mit ihren besungenen kleineren und größeren unzulänglichkeiten wurden sympathisch gesellschaftstauglicher verortet.
auch das ist ein zeichen einer systemischen struktur.
auch wenn meine lieder jahrzehntelang nicht gespielt wurden im öffentlich rechtlichen rundfunk habe ich doch nicht aufgehört, sie zu schreiben. weil die themen nicht aufgehört haben zu existieren.
und auch die gesellschaftspolitischen prozesse haben sich weiterentwickelt. es ist schwärzer geworden. und weißer. und noch schneller. und verrohter, würde ich mal eher düster analysieren.
umso wichtiger bleibt festzuhalten: gewalt ist gewalt ist gewalt.
bitte, schützen wir die, die sie sich aufzuzeigen getrauen! so gut wir können. mit all den uns zur verfügung stehenden mitteln. sie haben einen steinigen schweren mutigen gefährlichen weg hinter sich mit vermutlich vielen zermürbenden angstmachenden zweifeln an der sinnhaftigkeit einer prozentuell aussichtslosen, weil rein statistisch betrachtet kaum erfolgsversprechenden anzeige im gepäck und einen vermutlich ebenso harten weg haben sie nun vor sich. sie sind nicht nur mutig, sie waren es bereits! und ausdauernd. jetzt sind sie besonders vulnerabel und gehören bestmöglich geschützt, begleitet und eingebettet.
stellen wir uns vor und hinter sie und seien wir laut und wütend – für sie und mit ihnen – und solidarisch.
und kümmern wir uns auch um die täter. schauen wir ehrlich auf unsere gesellschaftsstrukturen und setzen wir früher an. in den kindergärten und schulen, investieren wir in die prävention. das ist – vielen studien zufolge – im übrigen um ein x-faches billiger als erst danach innerhalb von langen resozialisationsprogrammen und -therapien viel geld in die hand nehmen zu müssen um zu heilen, was über jahre sukzessive mehr und mehr kaputtgegangen ist und in diesem sinne so nie mehr ganz heilbar sein wird. unterstützen wir männeranlaufstellen und enttabuisieren wir sie.
enttabuisieren wir die idee, sich als mann hilfe zu holen, wenn man nicht mehr weiter weiß. bevor man wirklich gefahr läuft, affektregulationsdurchbrüche zu bekommen und damit gefährlich zu werden. und bevor man grobe moralische werteverkennungen zu bagadellisieren beginnt.
seien wir ehrlich mit unseren gesellschaftspolitischen mustern und schauen wir genauer hin, wie wir sie gerechter und sozialer anlegen könnten.
zu viel verlangt?
hoffentlich nicht!