lernen in schleifen und die entscheidung(en)

liebe menschen,

heute zwei große themen.

sie haben miteinander zu tun. sehr sogar. 

trotzdem trenne ich sie in der aufbereitung. ich bin guter dinge. dies vorweg. es hat damit zu tun, dass ich ein bisschen freigespielt wurde.

dieses freispiel hat elementar mit meinen beiden themen zu tun.

das zweite thema ist das freispiel, das erste thema setzt das freispiel in relation.

1) lernen in schleifen

es gibt ein paar aus meiner sicht sehr problematische entwicklungen in der kunst- und kulturszene.

inhaltlich eher schwer durchschaubar habe ich mich in den letzten wochen gemeinsam mit ein paar kolleg:innen durch ein dickicht gewühlt.

ganz zu beginn motiviert, durchzukommen, in der mittleren phase dann versucht, nicht verstehendes auf meine dzt. pre-menophase zu schieben, ist die gruppe stätig gewachsen und wir und ich dadurch auch und wir sind an der sache drangeblieben.

eine sehr liebe freundin und kolleg:in aus meiner musiktherapiebubble sagt immer wieder, lernen funktioniere in schleifen.

wie ein mantra hab ich mir diese information zu eigen gemacht und das schwarmwissen der gruppe genutzt, wenn ich sachen durch neue inputs und informationen neu (zu)ordnen musste und dadurch bereits bekanntes mir kurz verlorenzugehen drohte, weil die neuordnung die aufgebaute struktur verrückte.

das waren intensive wochen.

eine sehr inhomogene gruppe hat sich formiert, weil sie durch eine doch eher leise änderung von regelungen relativ plötzlich vor ähnlichen tatsachen stand. danke an alle, die drangebieben sind, danke an den kern, an die einzelpersonen, die sich mit mir getroffen haben (innerhalb und ausserhalb der hundezone), die anstrengende telefonate mit mir geführt haben, bei denen ich emotionale und kognitive rückschläge hatte und darauf angewiesen war, dass ich an der hand genommen werde beim schleifenziehen des verstehens und lernens und auch aus- und durchhaltens.

entstanden ist ein neuer wissensstand, eine neue gruppe(ndynamik), eine ziemlich gute vernetzung und die erfahrung, dass ich mich in einer sehr großen gruppe mit sehr vielen alten weißen männern (bitte um nachsicht für den plumpen einsatz eines abgenutzen stereotyps, aber es war genau so, nämlich genau so, und ich bekritle es – in diesem satz – nicht, ich benenne es aber), dass ich mich also in so einer gruppe aufzuzeigen und anzusprechen traute, was wir in den letzten wochen durch die entstehung dieser oben beschriebenen bewegung erarbeitet hatten.

an fragen, an feststellungen, an prinzipiellen kulturpolitischen kämpfen, deren platzierung ihrer ausübung schwer festzumachen ist.

wo gehört es hin, darüber zu diskutieren, welche kunst noch platz haben kann in unserem gesellschaftlichen gefüge, welche monetär unterstützt werden kann und welche nicht dazuzugehören scheint. und welche bzw. wessen kunst dadurch weiter in das prekariat rutschen wird und welche bzw. wessen aus diesem verschwinden. welche die gesellschaft im blick hat und haben will und welche nicht. und wie bzw. ob frau in den fokus rückt und/oder nicht.

das bringt mich direkt zu

2) die entscheidung

ich beginne mit einer geschichte:

in der oberstufe mussten wir in deutsch ein gedicht interpretieren und referieren. ich hatte immer größten respekt vor einem referat – um nicht zu sagen, ich entwickelte jedes einzelne mal starke körperliche symptome. vor der ganzen klasse zu stehen und zu sprechen viel mir schwer –

größter respekt geht an dieser stelle raus an meine kinder, die das irgendwie cooler hinbekommen als ich damals!

in diesem speziellen fall schaffte ich es aber aus einem anderen grund nicht, diese aufgabenstellung wie vorgegeben umzusetzen:

ich entwickelte während der vorbereitung einen immer größer werdenden inneren widerstand gegen meinen auftrag.

dieser lautete: gedichtinterpretation.

eine art erklärung darüber zu erörtern, was sich der autor/die autorin zwischen den zeilen gedacht hätte regte mich mit zunehmender zeitnähe zunehmend auf.

vielleicht habe ich gar nicht verstanden, wofür eine textinterpretation wirklich sinnvoll, dienlich und wichtig ist weil mich die tatsache, meine eigene interpretation dem urheber/der urheberin des gedichts „überzustülpen“, wie ich das damals empfand, so irritierte.

das beschäftigte mich dermaßen, dass ich nach langer überlegung, und auch nach gesprächen mit anderen, einen essay mit meinen gedanken entwickelte als einleitung zur gedichtinterpretation, in dem ich erläuterte, warum ich eine interpretation des gedichts ohne diese prinzipielle kritik an einer gedichtinterpretion an sich nicht anbieten wolle, um im anschluss dann doch noch eine verkürzte solche anzubieten.

internet gab es übrigens (so) noch nicht.

es hätte wohl zumindest zwei wege meines deutschlehreres gegeben, mit meiner darbietung umzugehen. er hätte mir sagen können, ich hätte die anforderungen nicht erfüllt. jeder hätte das nachvollziehen können. das wäre dann eine themenverfehlung gewesen.

das hat er nicht getan. für meinen mut, mein angebot, die eigentliche fragestellung zu hinterfragen mit dem angebot des warum, und darauf aufbauend dann mit meiner interpretation des gedichts hat er mir ein „sehr gut“ gegeben.

ich weiß noch, wie erleichtert ich war.

aber vor allem weiß ich auch noch, wie gut es sich angefühlt hat, diese seine entscheidung, mich für meine entscheidung wertschätzend und anerkennend einzuordnen und zu sehen, anstelle sich für den wahrscheinlich leichteren weg der in die strukturen und vorgaben einzuordnenden wertigkeiten zu zwängen und ausschließlich diese zu beurteilen, zu erleben. er hat mich dafür beurteilt, den mut zu haben fragen zu stellen, in frage zu stellen, was norm ist, unabhängig davon, ob er mit meiner meinung mitgehen konnte oder nicht. das war nicht das thema. aus seiner position heraus, die hierarchisch deutlich über mir stand und eine vorbildwirkung auf und autorität für die ganze klasse darstellte zeigte er mir und uns, dass er es wertvoll fand, gegebenheiten in frage zu stellen.

ich bin vorgeschlagen worden für ein jahresstipendium und habe dieses erhalten.

ich wußte davon nicht und ich bin aus allen wolken gefallen. es hat mir die sprache verschlagen. so wirklich, nicht nur sprichwörtlich.

der gefühlsmix, den ich spüre, erinnert mich auch ein bisschen an damals nach dieser gedichtinterpretation.

ganz aufdröseln kann ich das noch nicht.

was ich schon weiß:

mit sicherheit hat es mit diesem gefühl zu tun, dass ich gerade spüren darf, unterstützt zu werden.

gesehen zu werden in meinem bemühen, aufzuzeigen, dass dieses musikbusiness nicht gerecht und rund läuft.

auch damit, gesehen zu werden in meiner kunst.

und auch damit, dass dies nicht über vitamin b oder freunderlwirtschaft erreicht wurde.

und schön ist natürlich auch zu erleben, mit dieser wahrnehmung nicht ganz falsch zu liegen und nicht alleine zu sein.

zwar ist der vergleich insoferne hinkend, weil es sich im musikbusiness mehr um einen langen marathon handelt (jedenfalls bei mir), und nicht um eine einmalige sache.

die entscheidung, einer älter werdenden musikerin, die nicht müde wird zu erwähnen, dass sie bisher durch alle musikfondsförderungen gerutscht ist nun jedoch in den fokus zu stellen und zu unterstützen bedarf mutes, weil man diese inhalte dadurch anerkennend innerhalb des systems benennt.

liebe beiräte der ske, vorallem liebe menschin, die du mich offenbar vorgeschlagen hast (mir fehlen die worte dafür eigentlich immer noch, es wären aber die schönsten und liebevollsten und wertschätzendsten und ich versuche es stellvertretend so):

ich bin immer noch überwältigt von der nachricht, sie berührt mich auf verschiedenen ebenen.

von jüngeren kolleg:innen entdeckt und von allen gemeinsam sichtbar gemacht zu werden sprengt mir, um es bitte hier pathetisch ausdrücken zu dürfen beinahe mein herz.

wie oft habe ich mir eine solche form der sichtbarkeit gewünscht. gesehen zu werden von denen, die nach mir kommen, und für die ich vielleicht doch auch ein stück weit versucht habe vorzukämpfen, wege zu ebnen, horizonte zu schieben, das ist ein großes geschenk!

dieses geld hilft mir, an meinem kreativen schaffen dranbleiben zu können und auch mitmusiker:innen dabei mitnehmen zu können – ein stück weit jedenfalls und mit einem ein bisschen leichterem blick in die zumindest nähere zukunft schauen zu können.

es lehrt mich auch eine neue bisher unbekannte form von druck – bisher konnte ich immer sagen, ich habs ganz ohne finanzielle unterstützung geschafft, sehet, was trotzdem daraus geworden ist, neben dem anderen job, neben der familie, neben der ganzen mental load usw.

wir werden sehen, ob etwas entstehen kann, wenn ich das nun ändere in ein einmaliges: „ich habs geschafft, sehet, was daraus geworden ist, neben dem anderen job, neben der familie, neben der ganzen mental load, aber finanziell freigespielt.“

ich bin gespannt!

DANKE für diese möglichkeit, SKE!

prinzipiell bleibe ich dabei, dass ich das system als ganzes in frage stelle(n muss), weil es, wie oben beschrieben, viele hinter sich lässt und eigentlich nicht durch individuelle einzelförderungen individuell „geradergerückt“ werden sollte, meiner meinung nach. die strukturen hängen schief.

im letzten halben jahr musste ich ein paar schwierige entscheidungen treffen.

ich staune also, was seither passiert ist.

ein bisschen hinke ich zwar noch hinterher. zb. stecke ich mich mit wirklich jedem virus an, welches die kinder in die therapie mitbringen und kämpfe dann länger damit, fit genug zu werden, um überhaupt wieder mit dem rad hinfahren zu können, aber dafür hör ich mir in der s-bahn morgens podcasts an, die ich sonst nicht hören könnte.

trotzdem werd ich mir jetzt ein paar tage urlaub nehmen und an neuen liedern arbeiten.

die kinder sind groß genug, sie werden es ohne mich schaffen, ich werde sie sehr vermissen, aber ich werde die zeit mit mir auch gut brauchen können.

abschließend nächste live-termine und DANKE an villach und simone schönett, martin peichl und peter clar, es war SO EIN SCHÖNER ABEND, mit verführerisch guter lyrik (wenn ich das so sagen darf!):

• 13.08.2026 Otto Wagner Areal, Wien (solo)

• 11.09.2026 Schlachthof Wels (band, gemeinsam mit Vereter)

• 12.09.2026 Bad Ischl Kurdirektion (band)